Am Montag war ein ganz besonderer Tag für Russland, der „Siegertag“ oder „Tag des Sieges“. Am 9. Mai vor 71 Jahren wurde der Zweite Weltkrieg beendet. Dieses Datum hat bis heute eine große Bedeutung für Russland. Es ist ein Tag des Gedenkens, der Dankbarkeit, aber auch der Freude.
Ich möchte Euch berichten, wie ich diesen Tag in Sotschi erlebt habe.
Es gab eine große Parade im Zentrum. Die Hauptstraße war von der Polizei gesperrt worden. Viele Leute sind gekommen. Die Veteranen, die Soldaten, die noch aktiv im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, bildeten die Spitze der Parade. Die meisten von ihnen wurden in Autos gefahren, aber einige sind auch zu Fuß gegangen. Sie haben den Menschen, die zugesehen haben, gewunken, und ihnen „Alles Gute zum Festtag“ zugerufen. Die Zuschauer haben diesen Gruß erwidert. Ich habe den Veteranen selbstverständlich auch gratuliert. Ich habe sehr großen Respekt vor diesen Menschen, die damals gegen den Nationalsozialismus gekämpft und geholfen haben, ihn zu besiegen.
Alle Schulen waren dabei, nicht alle Klassen, aber die älteren Schüler und die Lehrer. Meine Mutter und ich sind mit dem Gymnasium Nr. 16 mitgegangen, das ich gerade besuche und in das schon meine Mama gegangen ist. Wir haben uns neben meiner Deutschlehrerin und deren Mann eingereiht. Es ist Tradition, dass jeder ein Porträt von seinen Verwandten mitträgt, die damals gekämpft haben, als Zeichen der Dankbarkeit und des Respekts.
Meine Mutter hat Fotografien ihrer beiden Großväter dabeigehabt und ich habe ein Bild von meinem deutschen Opa getragen. Er wurde als 16-Jähriger an die Ostfront geschickt. Dort ist er schwer verwundet worden und kam für fünf Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Trotz dieser für ihn schweren Zeit hat er Russland geliebt; er erzählte, er habe viele positive Erfahrungen gemacht. Krieg, Gewalt, Hass und den Faschismus verabscheute er. Mein Opa hat gut Russisch gesprochen. Leider ist er im Januar gestorben, mit 87 Jahren. Ich habe ihn sehr lieb gehabt.
Eine Zuschauerin hat uns auf das Foto von meinem Opa angesprochen. Meine Mutter hat ihr seine Geschichte erzählt. Die Frau hat dann gesagt, dass sie in einem Dorf mit Deutschen aufgewachsen ist. Das Verhältnis ist immer gut gewesen.
In der Parade sind auch Leute mitgegangen, die einfach dabeisein wollten. Die Stimmung war sehr gut. Überall wurden über Lautsprecher traditionelle Lieder gesungen, die vom Großen Vaterländischen Krieg handelten, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird. Die Menschen haben mitgesungen und haben sich Alles Gute gewünscht. Eine Frau aus unserer Schule hat öfters „Omas und Opas, alles Gute zum Fest“ gerufen. Oft waren Hurra-Rufe zu hören, in die auch jeder eingestimmt hat. Mich hat das alles tief beeindruckt.
Später sind meine Mama und ich nochmals in die Stadt gefahren; dort hat es Konzerte gegeben, auf denen alte Lieder gespielt wurden, die aber jeder kennt. Viele der Auftritte erinnerten an den Krieg.
In Deutschland wird das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gefeiert. Ich habe mit mehreren Leuten hier in Russland gesprochen und die können das gar nicht verstehen. „Deutschland hat doch auch unter dem Nationalsozialismus gelitten. Das ist doch ein Grund zur Freude, dass die Nazis besiegt wurden“, sagen viele hier. Und wisst Ihr was: Ich denke, sie haben recht. Der Siegertag ist nicht nur für Russland da. Wir dürfen den Zweiten Weltkrieg und seine vielen Opfer nicht vergessen, dann passiert so etwas Schreckliches nicht nochmal.
Eure nachdenkliche
Alona
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